4. Die meditativen Vertiefungen – jhanas

4.1  Was sind Vertiefungen

IMG_4844Vertiefungen sind Versenkungszustände des Geistes. Ist die Achtsamkeit während der Meditation so groß, dass sie zur Konzentration wird, das heißt, dass der Geist auf einem Meditationsobjekt längere Zeit bleiben kann, und ist die Konzentration so groß, dass sie einspitzig ist, das heißt, dass der Geist auf einem Punkt gerichtet bleibt, dann eröffnen sich uns die acht meditativen Vertiefungen.

4.2  Welche Vertiefungen gibt es

Es gibt acht meditative Vertiefungen (Jhanas). Jede Vertiefungsstufe ist eine Folge der vorangehenden. Die ersten vier Vertiefungen werden die feinkörperlichen Vertiefungen genannt, da uns die Erfahrungen, die während dieser Vertiefungen gemacht werden, bereits von unserem weltlichen, durch unsere Sinne herrührenden Erleben bekannt sind. Die letzten vier Vertiefungen werden als die formlosen oder unkörperlichen Vertiefungen bezeichnet, weil sie außerhalb der Meditation auf der weltlichen Ebene nicht mehr zu erleben sind. Die aufgeführte neunte Vertiefung ist eigentlich keine Vertiefung (daher in Anführungszeichen s.u.), sondern der Schritt der Befreiung / das Erwachen / Erleuchtung.

4.3  Welche Erfahrungen sind in den Vertiefungen möglich

Die meditativen Vertiefungen führen zu Erfahrungen, durch die wir vollkommen gestillt werden. Das anfängliche Meditationsobjekt, z.B. der Atem, wird fallengelassen, sobald der Geist in der Vertiefung ist. Das neue Meditationsobjekt, bei dem der Geist voller Konzentration bleibt, ist in der in der jeweiligen Vertiefung das, was vordergründig hervortritt:

1. Vertiefung – Wohlbefinden
In der ersten Vertiefung steigt ein überaus angenehmes Körpergefühl in uns auf, das von Freude begleitet wird. In diesem Körpergefühl des Wohlbefindens hat der Geist sein Zuhause gefunden, wo er sich jeder Zeit in sich geborgen zurückziehen und aus der Ruhe Kraft schöpfen kann. Die Freude, ein geistiges Zuhause gefunden zu haben, begleitet uns auch in den Alltag.

2. Vertiefung – Freude
Die Freude, die in der ersten Vertiefung mit dem Gefühl der Geborgenheit hochkommt, rückt in der zweiten Vertiefung in den Vordergrund und wird zum Meditationsobjekt. Diese Freude, deren Konzentration so groß ist, wie wir sie auf der weltlichen Ebene kaum wahrnehmen können, ist in uns nur durch unsere Geisteskonzentration entstanden. Sie ist vollkommen unabhängig von Sinneseindrücken und jeder kann sie aus sich heraus erleben. Durch diese Erfahrung wird der Wunsch, die Meditationspraxis fortzusetzen, lebendig. Uns ist klar, dass wir die Freude jederzeit wieder in uns finden.

3. Vertiefung – Zufriedenheit
Die Freude über das Wohlbefinden und deren Unabhängigkeit von angenehmen Sinneskontakten, führt in der dritten Vertiefung zu einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit. Eine innere Kraft des Vertrauens entsteht, aus der heraus die Konzentration noch weiter wächst und unser inneres Glück aus der Tiefe unseres Seins nach außen strahlt.

4. Vertiefung – Frieden
In der vierten Vertiefung steigt aus dem Gefühl der Zufriedenheit ein tiefer Frieden auf, in den sich der Geist ganz hineinsinken lässt, da nun genügend Hingabe und Vertrauen vorhanden sind. Ist der Geist mit der Ruhe verschmolzen, ist Frieden. Das Eintauchen in die Ruhe wird oft erst im nachhinein durch ein Gefühl der Vollständigkeit und ein körperlich und geistiges Erfrischtsein wahrgenommen.

5. Vertiefung – Raumunendlichkeit
In der fünften Vertiefung lösen sich gefühlsmäßig die körperlichen Grenzen auf, und das Erleben erstreckt sich bis in das Unendliche. In dieser Wahrnehmung erwächst das Verständnis, dass die eigene Separierung eine Illusion und dass alles miteinander verbunden und eins ist.

6. Vertiefung – Bewusstseinsunendlichkeit
Gleichzeitig mit dem Erleben des unendlichen Raums ist auch das gefühlsmäßige Erfassen der Unendlichkeit des Bewusstseins, das in der sechsten Vertiefung in den Vordergrund rückt. Erst ein unendliches Bewusstsein kann die Unendlichkeit des Raumes erfahren. Es wird erkannt, dass jedes individuelle Geistesbewusstsein in ein gesamtes Bewusstsein eingebunden ist, und dass es nichts anderes mehr gibt, als Bewusstsein. Durch diese Erfahrung wird klar, dass jeder mit seinem Bewusstsein die gesamte Bewusstseinsebene beeinflusst, die wiederum ihn selbst prägt. Wer das Eingebundensein in das unendliche, universale Bewusstsein erfahren hat, wird dafür Sorge tragen, in sich die vier reinen Emotionen – Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut – weiter zu entwickeln und den achtfachen Pfad mit vollkommener Achtsamkeit zu folgen. Das Gesetz von Ursache und Wirkung wird durchschaut, und so ist das Vertrauen da, dass die innere Läuterung und der Gleichmut auch in positiver Weise nach Außen wirken.

7. Vertiefung – Leere-Energie
In der siebten Vertiefung wird die Leere als Schwingungen wahrgenommen, aus denen wir und alles bestehen. Es ist nun nichts mehr da, was den Blick trübt. Alles, was ist, wird als Schwingungen der Energie erlebt, die im unendlichen Raum und im unendlichen Bewusstsein keinerlei Form annehmen. Diese Klarheit verliert sich auch im Alltag nicht mehr, und so kann der Gleichmut entstehen, das Angenehme zwar wahrzunehmen, aber es nicht mehr festhalten zu wollen, und das Unangenehme zwar zu empfinden, aber es nichtloswerden zu wollen. Mit dem Sehen und Annehmen der Dinge, wie sie sind, lernen wir das Loslassen im Gleichmut, das Sprungbrett zur Freiheit, und wir erkennen die Fülle in der Leere, die so erfüllend ist, dass nur noch der eine Wunsch in uns vorhanden ist, die vollkommene Freiheit zu erreichen.

8. Vertiefung – Stille
Die achte Vertiefung, die „Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung“ heißt, ist mit vollkommener Ruhe verbunden, mit Stille. Wird die Stille, in der nichts geschieht, einen Augenblick lang erlebt, wissen wir, was wirklicher Frieden und Freiheit im Nicht-Sein ist.

9. „Vertiefung“ – Befreiung
Durch einen Bewusstseinswechsel, Erleuchtung, ist der Geist in der letzten endgültigen, vollkommenen Vertiefung eingetaucht, in der alles erlischt, was die Begierden antreibt und die Ich-Illusion aufrecht erhält, und in der Befreiung von allen Fesseln erfolgt, die durch Gier, Hass und Verblendung herrühren, sowie ein Einsseins mit dem Urgrund allen Seins.

Mögen alle Lebewesen glücklich sein und die Freiheit erlangen.
Petra Mertens

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