Meditation – Weitere Details

1     Einführung in die Meditation

1.1  Was ist Meditation

Meditation ist eine Schulung der Achtsamkeit und der Konzentration, durch die der Geist Schritt für Schritt geklärt und entfaltet wird, so dass er in sich ruhen, das innere Glück erfahren und letztendlich die endgültige Freiheit erlangen kann. Auf der weltlichen Ebene kann die Erfahrung der Ruhe und des Glücks zu einem liebevollen Umgang mit sich selbst und mit anderen und zu Zufriedenheit, Harmonie und einer befreienden Weltsicht führen.

Die Meditation ist ein Weg, der uns dahin führt, hinter jedem Augenblick anstatt der relativen Wirklichkeit, in der wir leben, die absolute Wahrheit zu sehen und damit die Dinge so, wie sie wirklich sind.

1.2  Warum ist die Meditation wichtig

Um gesund leben zu können, müssen wir uns unserem Körper täglich zuwenden. Wir müssen mehrmals essen, den Körper waschen und über eine längere Zeit schlafen. Um glücklich leben und letztendlich die Freiheit erlangen zu können, müssen wir uns unserem Geist zuwenden und das in der gleichen Weise wie unserem Körper:

–  Den Geist nähren heißt, ihn mit geistiger Nahrung versorgen. Dabei müssen wir darauf achten, was wir unserem Geist zuführen und dabei alles Unheilsame, d.h. das uns unglücklich und leidend macht, durch Heilsames ersetzen.
–  Den Geist reinigen oder läutern  heißt, Wünsche und Ablehnungen, Gier und Hass, das, was wir gerne hätten, und das, was wir gerne loswerden wollen, fallen lassen und die Dinge so sehen, wie sie sind.
–  Den Geist zur Ruhe kommen lassen heißt, den Geist achtsam, konzentriert und einspitzig zu machen. Ein Weg, um dies zu erreichen, ist die Meditation. Wenn es uns gelingt, den Geist auf einem Meditationsobjekt zu halten und nicht zu denken, kommt ein Gefühl der Ruhe, Leichtigkeit und Problemlosigkeit auf. Denn um Probleme haben zu können, muss man denken, sonst hat man keine.

1.3  Worauf basiert die buddhistsische Meditation

Die buddhistische Ruhe- und Einsichtsmeditation ist ein vom Buddha klar und genau erklärter Weg, der nach Innen und durch die Läuterung des Geistes zur Erleuchtung, zur Befreiung führt. Jeder kann diesen Weg beschreiten und zu gleichen universellen Ergebnissen kommen, vorausgesetzt, er bemüht sich und geht diesen Weg mit Vertrauen und Hingabe. Der Buddha hat uns seine Erleuchtungserkenntnis in den Vier Edlen Wahrheiten mitgeteilt:

  1. Existenz bedeutet Dukkha Das Unerfülltsein, das im Buddhismus Dukkha genannt wird, ist mit jeder Existenz verbunden. Dukkha kann nicht auf der weltlichen Ebene, sondern nur auf
    dem Weg nach Innen überwunden werden. Es ist nicht möglich, Frieden, Harmonie, wirkliches Glück und Freiheit zu finden, wenn man im Außen sucht.
  2. Der Grund für Dukkha sind Gier, Hass und Verblendung. Erst durch die Überwindung von Gier, Hass und Verblendung ist es möglich, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, ohne die Begierde und die Ablehnung, es soll anders sein.
  3. Ein Ende von Dukkha ist möglich. Wenn die Wurzeln von Dukkha, also Hass, Gier und Verblendung, ersetzt werden durch Liebe, Gleichmut und Weisheit, ist ein Überwinden von Dukkha möglich.
  4. Der Weg aus Dukkha führt über den achtfachen Pfad. Der Weg zur Freiheit von Leiden ist auch ein Weg zu Liebe, Gleichmut und Weisheit. Diesen Weg beschreibt der Buddha in dem Edlen Achtfachen Pfad.

Der Edle Achtfache Pfad ist in drei Teile geteilt:

Sila (= tugendhaftes Verhalten: Schritte 3.–5.), die das Fundament und die Basis darstellt für
Samadhi (= Konzentration des Geistes, Schritte 6.–8.), durch die die Reinigung des Geistes (Läuterung) und somit
Panna (= Weisheit durch Einsicht, Schritte 1.-2.) erreicht werden kann.

Die einzelnen Schritte des achtfachen Pfades sind:
1. Rechte Erkenntnis
2. Rechte Gesinnung
3. Rechte Rede
4. Rechte Taten
5. Rechter Lebenserwerb
6. Rechtes Bemühen
7. Rechte Achtsamkeit
8. Rechte Konzentration

Zu den rechten Taten gehören fünf Regeln, um die sich jeder Buddhist bemüht:
NICHT: töten, stehlen, lügen, berauschen, sexuell fehlverhalten.

1.4  Wozu dient die Meditation?

Die geistige Ruhe, die durch die Meditation erreicht wird, ist das Mittel. Der Zweck der Meditation ist jedoch Einsicht und Klarblick: Die Dinge zu erkennen, wie sie wirklich sind. Die Meditation lässt uns unser ganzes Innenleben erfahren und sie lässt uns auch das finden, was wir unterschwellig wissen, dass wir es in uns haben: das innere Glück und die Möglichkeit zur Befreiung.

Wenn die Wellen des Ozeans hoch schlagen, können wir nicht in die Tiefe blicken. Erst wenn sich die Wellen geglättet haben, ist es uns möglich, tief zu blicken und den Grund zu erkennen. Und erst wenn der Geist ruhig ist, können wir in uns blicken und uns selbst erkennen. Und erst dadurch ist es uns auch möglich zu erkennen, dass wir im Grunde mit allem verbunden und eins sind. So können wir die ICH-Illusion fallen lassen und damit das Gefühl des Getrenntseins von anderen / allem sowie auch das dadurch bedingte Unerfülltsein, das mit der Unruhe des ständig nach der Erfüllung Suchens verbunden ist. Und dann können wir wirklich sehen, was Frieden und Freisein heißt.

1.5 Was bewirkt die Meditation?

Die Entwicklung von Achtsamkeit, Energie und Konzentration während der Meditation führt durch die Klärung des Geistes zu einem Wachsen von Ruhe, Liebe und Einsicht. Jeder Moment, in dem wir uns achtsam einem Meditationsobjekt zuwenden, ist ein Moment, in dem wir:

–      die Trägheit des Geistes überwinden, um den Geist einspitzig zu machen. Nur ein einspitziger Geist ist ein Geist, mit dem wir zur Ruhe und Einsicht kommen können.
–      nicht Negatives und Begehrendes denken, so dass wir den Geist läutern. Nur ein nicht begehrender und nicht ablehnender Geist ist ein Geist, mit dem wir die Dinge objektiv sehen, das heißt, sie so sehen, wie sie wirklich sind.
–      gutes Karma machen, so dass wir den Geist befreien. Nur ein geläuterter Geist ist ein Geist, der Frieden und Harmonie als Selbstverständlichkeit erlebt und der wirklich frei werden kann.

 

2     Die buddhistische Ruhe- und Einsichtsmeditation

Die buddhistischen Meditation dient der Läuterung durch Ruhe und Einsicht, um die endgültige Befreiung von allem Leid zu erlangen. Dazu wird der Geist zunächst auf ein Meditationsobjekt gelenkt. Es gibt verschiedene Meditationsmethoden, um Ruhe und Einsicht zu erlangen. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Atembetrachtung.

2.1   Was ist ein Meditationsobjekt?

Ein Meditationsobjekt ist ein Objekt vor unserem geistigen Auge, auf das der Geist mit Konzentration während der Meditation gerichtet bleibt. In der Buddhistischen Tradition wird als Meditationsobjekt der Atem verwendet, denn er ist unsere Lebensgrundlage. Es ist das,

–  was immer, von Anfang bis zum Ende unseres Lebens bei uns ist,
–  was uns und alle Wesen am Leben erhält, uns mit Energie versorgt,
–  was uns alle verbindet und neutral ist,
–  was eng mit dem Geist verbunden ist (Geist ruhig <-> Atem ruhig),
–  was Bewusstsein verbindet, da der Atem bewusst gelenkt werden kann,
unbewusst fließt und zum Erkennen des Universalbewusstseins führen kann,
–  was in jedem Moment ist,
–  was Ruhe und Raum gibt,
–  was einfach ist und einfach ist,
–  was natürlich fließt, wenn wir es loslassen, und
–  was uns an die Vergänglichkeit und an das Geben und Nehmen erinnert.

Sich dem Meditationsobjekt Atem hingeben heißt, den Geist in dem Atem „auflösen“, so dass nichts mehr außer Atem ist.

2.2    Welche Meditationsmethoden gibt es?

Eine Meditationsmethode ist eine Methode, um zur Meditation zu kommen. Es ist nicht die Meditation selbst. Die Meditation fängt an, wenn die Methoden aufhören. Eine Meditationsmethode ist sozusagen der Haken, an den wir den Geist hängen können.

Es gibt zwar viele Meditationsmethoden, aber nur zwei Richtungen der Meditation. Beide Richtungen laufen parallel, vergleichbar einem zweispurigen Weg:

– die eine ist:                   Ruhe (samatha),
– die andere ist:     Klarblick/Einsicht (vipassana).

2.3  Worauf bezieht sich die Einsicht?

Die Ruhemeditation ist das Mittel zum Zweck. Der Zweck ist Klarblick/Einsicht und zwar auf das, was der Buddha die drei Daseinsmerkmal des ganzen Universums genannt hat, nämlich:

–  Unbeständigkeit (anicca) : Alles ist beständig im Wandel, in Bewegung. Alles, was entsteht, verändert sich. Die Unbeständigkeit ist das, was beständig ist.
–  Leidhaftigkeit (dukkha): Jede Existenz ist unerfüllt und daher ständig auf der Suche nach Erfüllung. Die Erfüllung kann jedoch nicht im Außen, sondern nur im Inneren gefunden werden.
–  Substanzlosigkeit/Leere (anatta): Es gibt nichts, an dem man sich und das man festhalten kann. Es gibt die Leere, die erfüllend und befreiend ist.

2.4  Welche Meditationsmethoden ergänzen sich?

Sich ergänzende Meditationsmethoden sind:
–  die Atemmeditation: bei der der Geist auf die Betrachtung des Atems gelenkt und so zur Ruhe und Einsicht geführt wird.
–  die Stück für Stück-Methode oder Vipassana-Meditation: bei der der Geist Stelle um Stelle oder auf bestimmte Stellen des Körpers gelenkt wird und über die Körperstellen auf die Wahrnehmung der auftauchenden Gefühle (emotionelle und körperliche Empfindungen), so dass über die Läuterung der Gefühle Ruhe und Klarheit im Geist erreicht wird.
–  die Gehmeditation: bei der der Geist auf die Bewegung der Füße und den entstehenden  Sinnesempfindungen gelenkt wird.
–  die Liebende-Güte-Meditation: bei der der Geist auf heilsame Gedanken und so auf Gefühle der Dankbarkeit, Zufriedenheit und der Freude gelenkt wird, um Herzenswärme für sich und für andere hervorzubringen und den Geist zu läutern. Wir leiten den Geist in eine bestimmte Richtung. Und je öfter wir das tun, desto leichter wird es für den Geist sein, den heilsamen Gefühlen zu folgen.
–  die Kontemplation: bei der der Geist auf ein bestimmtes Thema gelenkt wird. Die Antworten zu dem Thema erfolgen durch erkanntes Erleben. Die Themen betreffen alle im Kern die drei Daseinsmerkmale anicca, dukkha und annata (siehe 2.3).

2.6  Welche Methoden der Atembetrachtung gibt es?

Der Buddha hat 40 verschiedene Meditationsmethoden gelehrt. Davon gibt es fünf verschiedene Methoden der Atembetrachtung:
–  Das Zählen Der Atem wird wie folgt gezählt:
1 (einatmen), 1 (ausatmen),
2 (einatmen), 2 (ausatmen),
usw. bis zehn, dann wieder von vorne.
–  Das Rezitieren eines Wortes oder Mantras Mit der Atembewegung wird geistig ein Wort gesprochen, z.B.
–  Frie (einatmen) den (ausatmen),
–  Ru (einatmen) he (ausatmen),
–  Lie (einatmen) be (ausatmen).
Nicht mehrere Wörter während einer Meditationssitzung verwenden, sondern bei einem Wort bleiben.
–  Das Vorstellen eines Bildes Mit der Atembewegung wird geistig ein Bild beobachtet, z.B.
–  an den Strand kommende Welle (einatmen),
–  vom Strand wegführende Welle (ausatmen).
Bei einem Bild während einer Meditationssitzung bleiben.
–  Das Empfinden des Windhauchs durch den Atem Mit der Atembewegung wird der Windhauch wahrgenommen, der an der Nasenspitze durch das Ein- und Ausatmen entsteht.
–  Das Wahrnehmen von Beginn, Mitte und Ende des Atemzugs Es wird immer mehr der Moment wahrgenommen, wann der Atemzug endet und neu entsteht. Gleichzeitig wird man sich der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit bewusst.

Wird das Zählen, das Rezitieren, das Vorstellen eines Bildes, das Empfinden eines Windhauchs oder das Wahrnehmen von Anfang, Mitte und Ende der Atemzüge durch einen Gedanken, ein Gefühl (emotionelle und körperliche Empfindung) oder durch eine Sinneswahrnehmung unterbrochen, beginnt man wieder von vorne.

3     Die Praxis der Meditation

Während einer Meditationssitzung ist es ratsam, eine Methode beizubehalten. Während verschiedener Sitzungen kann durch Erfahren die Methode herausgefunden werden, zu der man den größten Zugang hat. Bei dieser Methode sollte man dann längere Zeit bleiben. Um in der Meditation auf dem von Buddha beschriebenen Weg zur Befreiung voranzuschreiten, ist es wichtig, die Meditationserfahrung in den Alltag einfließen zu lassen und auch im Alltag den Geist zu läutern.

 3.1  Wie gehe ich mit Ablenkungen während der Meditation um

Ablenkungen während der Meditation können sein:
– Gedanken (das Denken)
– Gefühle (Emotionen und körperliche Empfindungen)
– Sinneswahrnehmungen (das Wahrnehmen)

Diese Faktoren können etikettiert werden, denn jedes Etikett bringt mit sich, dass der Erlebende zum Beobachter des Erlebten wird und daher das Denken, Fühlen, Empfinden und Wahrnehmen zerbricht.

Etikette können sein: Zukunft, Vergangenheit, Plan, Hoffen, Ärger, Freude, Erinnerung, Ablenkung, Unsinn, Phantasien, Später, Angenehm, Unangenehm, Neutral, etc.

Jedes Etikett ist ein Hinweis darauf, wo die Wahrnehmungen und Gedanken hingehen. Dies ist besonders im Alltag wichtig, damit wir erkennen, ob z.B. ein Gedanke unheilsam ist, und damit wir ihn dann mit einem heilsamen Gedanken ersetzen. In der Meditation kehren wir nach dem Etikettieren wieder zur Achtsamkeit auf den Atem zurück.

 3.2  Wie binde ich die Meditationserfahrungen in den Alltag ein

Ziel ist es, dass wir zur Ruhe kommen, um beim Meditationsobjekt Atem bleiben zu können und das Denken einzuordnen, um zu wissen, was in unseren Gedankengängen im Alltag und in der Meditation vor sich geht. Die Achtsamkeit wird weit geschult, dass das Ersetzen von Unheilsamen durch Heilsames unentwegt fortgeführt wird, so dass gar kein unheilsamer Gedanke mehr in uns vorhanden ist. Während der Meditation und auch im Alltag können wir also:
–  anstatt Gedanken zu denken, die Gedanken etikettieren und damit aus dem Denken aussteigen,
–  anstelle von Gefühle fühlen (Emotionen oder körperlichen Empfindungen), die Empfindungen auf der körperlichen Ebene untersuchen, den Körper entspannen und damit auch den Geist befreien und damit aus den Gefühlen aussteigen.

3.3  Wie gehe ich mit unangenehmen Empfindungen um

Die während der Meditation auftretenden Körperempfindungen (bis hin zu Schmerzen) können eine unangenehmes Gefühl hervorrufen. Diese Situation kann als Lernsituation angesehen werden, durch die wir fähig werden, nicht gleich auf ein unangenehmes Gefühl in gewohnter Weise zu reagieren.

Wahrnehmen, Erkennen und nicht reagieren lässt die Willenskraft wachsen, die uns dann auch im Alltag zur Verfügung steht. Falls wir auf das unangenehme Gefühl reagieren, indem wir uns z.B. umsetzen, sollen wir uns diese Reaktion ohne Tadel eingestehen. Durch das Nicht-Reagieren, sondern das Beobachten, merken wir, dass auch das Gefühl unbeständig ist. Wir können also warten, bis sich der innere Sturm gelegt hat, in der Meditation wie im Alltag auch.

3.4  Wie kann ich den Geist auch im Alltag läutern

Den Geist läutern heißt, ihn klar und weit zu machen, damit er die Wahrheit erfahren kann. Die Läuterungsformel zum Reinigen des Geistes in der Meditation wie im Alltag sind die vier rechten Anstrengungen:

–  Vermeiden: Unheilsames, was uns auf dem Weg zur Befreiung am Voranschreiten hindert, vermeiden.
–  Überwinden: Unheilsames durch Heilsames ersetzen. Das heißt, dass wir blinde Reaktionen durch Aktionen ersetzen, die im Einklang mit der Wahrheit und mit dem Herzensgefühl der Liebenden Güte sind.
–  Entfalten: Heilsames absichtlich hervorbringen. Um in der Meditation voranzuschreiten, sind drei Faktoren wichtig: Dana, die Gebefreudigkeit, durch die wir Loslassen lernen, Meta, die Liebende Güte, durch die wir Hingabe lernen, und Sila, das ethische Verhalten, durch das wir Läuterung des Geistes erfahren.
–  Erhalten: Heilsames ständig entfalten, bedeutet, den Alltag zur Meditationspraxis zu machen.

4     Die buddhistischen Vertiefungen

Ist die Achtsamkeit während der Meditation so groß, dass sie zur Konzentration wird, das heißt, dass der Geist auf einem Meditationsobjekt längere Zeit bleiben kann, und ist die Konzentration so groß, dass sie einspitzig ist, das heißt, dass der Geist auf einem Punkt gerichtet bleibt, dann eröffnen sich uns die acht meditativen Vertiefungen.

4.1  Welche Vertiefungen gibt es

Es gibt acht meditative Vertiefungen (Jhanas). Die ersten vier Vertiefungen werden die feinkörperlichen Vertiefungen genannt, da uns die Erfahrungen, die während dieser Vertiefungen gemacht werden, bereits von unserem weltlichen, durch unsere Sinne herrührenden Erleben bekannt sind. Die letzten vier Vertiefungen werden als die formlosen oder unkörperlichen Vertiefungen bezeichnet, weil sie außerhalb der Meditation auf der weltlichen Ebene nicht mehr zu erleben sind. Die aufgeführte neunte Vertiefung ist eigentlich keine Vertiefung (daher in Anführungszeichen s.u.), sondern der Schritt der Befreiung / das Erwachen / Erleuchtung.

4.2  Welche Erfahrungen sind in den Vertiefungen möglich

Die meditativen Vertiefungen führen zu Erfahrungen, durch die unsere grundlegenden Bedürfnisse, vollkommen gestillt werden. Das anfängliche Meditationsobjekt, z.B. der Atem, wird fallengelassen, sobald der Geist in der Vertiefung ist. Das neue Meditationsobjekt, bei dem der Geist voller Konzentration bleibt, ist in der:

1. Vertiefung – das Wohlbefinden
In der ersten Vertiefung steigt ein überaus angenehmes Körpergefühl in uns auf, das von Freude begleitet wird. In diesem Körpergefühl des Wohlbefindens hat der Geist sein Zuhause gefunden, wo er sich jeder Zeit in sich geborgen zurückziehen und aus der Ruhe Kraft schöpfen kann. Die Freude, ein geistiges Zuhause gefunden zu haben, begleitet uns auch in den Alltag.

2. Vertiefung – die Freude
Die Freude, die in der ersten Vertiefung mit dem Gefühl der Geborgenheit hochkommt, rückt in der zweiten Vertiefung in den Vordergrund und wird zum Meditationsobjekt. Diese Freude, deren Konzentration so groß ist, wie wir sie auf der weltlichen Ebene kaum wahrnehmen können, ist in uns nur durch unsere Geisteskonzentration entstanden. Sie ist vollkommen unabhängig von Sinneseindrücken und jeder kann sie aus sich heraus erleben. Durch diese Erfahrung wird der Wunsch, die Meditationspraxis fortzusetzen, lebendig. Uns ist klar, dass wir die Freude jederzeit wieder in uns finden.

3. Vertiefung – die Zufriedenheit
Die Freude über das Wohlbefinden und deren Unabhängigkeit von angenehmen Sinneskontakten, führt in der dritten Vertiefung zu einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit. Eine innere Kraft des Vertrauens entsteht, aus der heraus die Konzentration noch weiter wächst und unser inneres Glück
aus der Tiefe unseres Seins nach außen strahlt.

4. Vertiefung – der Frieden
In der vierten Vertiefung steigt aus dem Gefühl der Zufriedenheit ein tiefer Frieden auf, in den sich der Geist ganz hineinsinken lässt, da nun genügend Hingabe und Vertrauen vorhanden sind. Ist der Geist mit der Ruhe verschmolzen, ist Frieden. Das Eintauchen in die Ruhe wird oft erst im nachhinein durch ein Gefühl der Vollständigkeit und ein körperlich und geistiges Erfrischtsein wahrgenommen.

5. Vertiefung – die Raumunendlichkeit
In der fünften Vertiefung lösen sich gefühlsmäßig die körperlichen Grenzen auf, und das Erleben erstreckt sich bis in das Unendliche. In dieser Wahrnehmung erwächst das Verständnis, dass die eigene Separierung eine Illusion und dass alles miteinander verbunden und eins ist.

6. Vertiefung – die Bewusstseinsunendlichkeit
Gleichzeitig mit dem Erleben des unendlichen Raums ist auch das gefühlsmäßige Erfassen der Unendlichkeit des Bewusstseins, das in der sechsten Vertiefung in den Vordergrund rückt. Erst ein unendliches Bewusstsein kann die Unendlichkeit des Raumes erfahren. Es wird erkannt, dass jedes individuelle Geistesbewusstsein in ein gesamtes Bewusstsein eingebunden ist, und dass es nichts anderes mehr gibt, als Bewusstsein. Durch diese Erfahrung wird klar, dass jeder mit seinem Bewusstsein die gesamte Bewusstseinsebene beeinflusst, die wiederum ihn selbst prägt. Wer das Eingebundensein in das unendliche, universale Bewusstsein erfahren hat, wird dafür Sorge tragen, in sich die vier reinen Emotionen – Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut – weiter zu entwickeln und den achtfachen Pfad mit vollkommener Achtsamkeit zu folgen. Das Gesetz von Ursache und Wirkung wird durchschaut, und so ist das Vertrauen da, dass die innere Läuterung und der Gleichmut auch in positiver Weise nach Außen wirken.

7. Vertiefung – die Leere-Energie
In der siebten Vertiefung wird die Leere als Schwingungen wahrgenommen, aus denen wir und alles bestehen. Es ist nun nichts mehr da, was den Blick trübt. Alles, was ist, wird als Schwingungen der Energie erlebt, die im unendlichen Raum und im unendlichen Bewusstsein keinerlei Form annehmen.Diese Klarheit verliert sich auch im Alltag nicht mehr, und so kann der Gleichmut entstehen, das Angenehme zwar wahrzunehmen, aber es nicht mehr festhalten zu wollen, und das Unangenehme zwar zu empfinden, aber es nichtloswerden zu wollen. Mit dem Sehen und Annehmen der Dinge, wie sie sind, lernen wir das Loslassen im Gleichmut, das Sprungbrett zur Freiheit, und wir erkennen die Fülle in der Leere, die so erfüllend ist, dass nur noch der eine Wunsch in uns vorhanden ist, die vollkommene Freiheit zu erreichen.

8. Vertiefung – die Stille
Die achte Vertiefung, die „Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung“ heißt, ist mit vollkommener Ruhe verbunden, mit Stille. Wird die Stille, in der nichts geschieht, einen Augenblick lang erlebt, wissen wir, was wirklicher Frieden und Freiheit im Nicht-Sein ist.

9. „Vertiefung“ – Nicht-Sein
Durch einen Bewusstseinswechsel, Erleuchtung, ist der Geist in der letzten endgültigen, vollkommenen Vertiefung eingetaucht, in der alles erlischt, was die Begierden antreibt und die Ich-Illusion aufrecht erhält, und in der Befreiung erfolgt von allen Fesseln, die durch Gier, Hass und Verblendung herrühren, und in der Einsseins mit dem Urgrund allen Seins ist.

Mögen alle Lebewesen glücklich sein und die Freiheit erlangen.
Petra Mertens

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