Wohin zielt Yoga – Befreiung

IMG_5391Wer Yoga nur als heilsames Körpertraining betrachtet, der übersieht, dass Yoga weitaus mehr vermag. Yoga zielt auf eine Befreiung in großem Umfang hin. Auf der ersten Ebene sorgt Yoga für den Körper, so dass er sich gut anfühlt, keine Schmerzen bereitet und gesund ist. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, dass man sich der zweiten Ebene zuwenden kann, der Befreiung des Geistes. Aber auch das ist noch lange nicht alles. 

Das letztendliche Ziel von Yoga ist es, das, was wir in der Tiefe sind, nicht nur zu erfahren und zu entfalten, sondern uns selbst, unseren Wesenskern / Seele gänzlich zu befreien.

Die alten yogischen Schriften vermitteln, dass jeder Mensch in der Tiefe vollkommen ist, dass wir alle einen vollendeten Wesenskern besitzen. Dieser Wesenskern ist das, was wir unbewusst wissen, wenn wir spontan sagen – sofern es uns gut geht: „Ich bin die Ruhe selbst“ oder, wenn es uns nicht so gut geht: „Ach, lass mich doch in Ruhe“. Wir wissen im Grunde ganz genau, was wir wollen und was uns gut tut:

Wir alle wollen in Ruhe zufrieden und glücklich sein.

Doch vielen ist nicht klar, wie sie innere Ruhe und Glücklichsein erlangen können. Sie suchen im Außen nach etwas, was ihnen Glücklichsein vermitteln soll. Und es gelingt auch immer wieder, dass sich Glücklichsein und auch Ruhe durch „äußere Geschenke“ einstellen. So ist es das neue Auto, das schöne Kleid oder der wunderbare Sonnenuntergang, von denen wir uns nicht nur kurzfristige, sondern beständiges Glücklichsein erhoffen. Aber wie lange hält dieses Glück an? Keine Sinnesfreude kann uns auf Dauer befriedigen, da alles, was existiert, wieder vergeht. So vergeht auch die Freude, das Glück, das auf weltlichen Dingen aufgebaut ist. Und dann geht die Suche weiter, das Ausschau-Halten nach dem nächsten Auto, dem nächsten Kleid, dem nächsten Urlaub mit einem schönen Strand und wunderbaren Sonnenuntergängen. All diese Sinnesfreuden sind in Ordnung und sie sind genießenswert. Doch es ist nicht das Auto, das Kleid oder der Sonnenuntergang, der uns Glücklichsein in den Geist bringt. Kein äußerer Gegenstand oder keine äußere Situation kann beständiges Glücklichsein schenken, da alles, was existiert den drei Daseinsmerkmalen unterworfen ist. Alles, was entstanden ist, muss auch wieder vergehen.

Was schenkt uns Glücklichsein ? 

Es ist das innere Loslassen von Gedanken und Gefühlen, die als Reaktionen auf äußere Impulse geschehen. Ein Moment lang, wenn wir etwas Schönes bekommen oder erleben, diesen einen Moment lang ist der Geist still. Einen Moment lang denkt er sich nichts Neues aus. Einen Moment lang ist Ruhe sowie Frieden und damit Zufriedenheit in uns. Es ist wichtig zu wissen, wie der Geist funktioniert.

Über die Meditation, bei der wir uns nach innen wenden, kommt in Vertiefungszuständen ganz von selbst Zufriedenheit, Freude, Glücklichsein und Stille hervor. 

Woher kommt das Glücklichsein ?

Die alten yogischen Schriften sagen: aus unserem Wesenskern, der vollkommen und voller Glückseligkeit und Leuchten ist. Diesen gilt es zu befreien. Und sie sagen auch, wie dieses Befreien möglich ist: durch Yoga mit seinen verschiedenen Formen bzw. Wegen und unterschiedlich geprägten Stilrichtungen.

Wenn wir dem Hatha-Yoga folgen, so üben wir zunächst mit dem Körper. Durch die Körperübungen reinigen wir den Körper, wir lassen ihn immer dehnbarer und durchlässiger werden, so wie wenn man ein Sieb von Schmutz befreit. Die „Poren“ werden frei, der Körper transparenter und so können wir äußere Geschehnisse mehr und mehr passieren lassen – wie durch ein Sieb – ohne dass sie unser Inneres in Aufruhr versetzen.

Was hindert den Menschen am dauerhaften Glücklichsein ?

Die eigene Konditionierung hindert uns daran, permanent glücklich zu sein. Und die Unzufriedenheit in uns ist umso größer, je mehr Unerfreulicheres wir im Leben bereits erfahren und je weniger wir es verarbeitet haben. Denn alle „unerledigten“ Erfahrungen lagern sich im Körper ab. Jeder weiß, dass man mit Massagen Körperblockaden lösen kann. Nicht ganz so bekannt ist es vielleicht, dass man durch das Massieren auch alte in den Blockaden abgelagerte Erlebnisse herauslocken kann. Diese äußern sich dann noch einmal in Form von meist sehr bewegten Träumen oder Gedanken und Gefühlen, ziehen durch das Bewusstsein hindurch, um sich dann ganz aufzulösen.

Im Yoga nehmen wir Haltungen = Asanas ein und üben Bewegungsfolgen = Vinyasas, die in Verbindung mit dem sanft wiegenden Atem wie eine Massage auf den Körper wirken. So lösen wir im Yoga mehr und mehr Blockaden auf und werden dadurch freier und gelassener.

Ist unsere Konditionierung nicht gelöst, so prägen uns die im Körper abgelegten und nicht mehr bewussten, unverarbeiteten Erlebnisse aus der Vergangenheit. Wir fühlen uns vielleicht ganz ok, aber immer wieder sind wir betrübt oder unglücklich. Wir können einfach nicht auf Dauer glücklich sein, sofern wir nicht erleuchtet sind. Unsere Konditionierung prägt unser ganzes Handeln. Diese inneren Hindernisse, Kleshas genannt, drängen uns zu Taten, Worten und Gedanken, die wir selbst manchmal gar nicht wollen. Mit dem Loslösen der Konditionieren, dem Loslassen von Gedanken und Gefühlen beginnt der Prozess der Befreiung.

 

Wie erfolgt die Befreiung ?

Das, was wir wirklich sind, können wir nicht wahrnehmen, wenn uns viel auf dem Herzen liegt. Belastungen sind – im wahrsten Sinne des Wortes –  Verdunkelungen in unserem Sein. Im Buddhismus spricht man von „Befleckungen“, Hindernissen, die uns zu Handlungen drängen, die wir selbst nicht ansteuern und manchmal sogar nachher bereuen.

Die Kleshas / Hindernisse rufen Reaktionen in uns hervor, die die Schichten unseres Seins, d.h. Körper und Aura = Koshas, verdunkeln. Auf dem Weg des Yoga geht es darum, die Kleshas wahrzunehmen und die Koshas zu reinigen und damit unsere Konditionierung aufzulösen. Wichtig ist hierbei zu erkennen: wann kann ich die Dinge des Alltags nicht so annehmen, wie sie sind. Wann drängt es mich zu Wünschen und Ablehnungen, Niedergeschlagenheit, Unruhe und Ängsten sowie Zweifel. Dies wahrzunehmen, ist der erste Schritt, den Geist zu befreien.

Loslassen ist das Zauberwort. Aber was sollen wir loslassen? Das Hängen an Gedanken und das Involviertsein in Gedanken, das Sich-Einreden von Glaubensätzen, das Hängen an Konzepten  / Meinungen/ Be- und Verurteilungen / Schuldzuweisungen und Erwartungen. Zu erkennen, dass Gedanken da sind und welchen Inhalt die Gedanken haben (Vergangenheit, Zukunft) hebt uns sofort aus dem Involviertsein, aus dem Gedankenfluss heraus und sorgt für eine Lücke, die uns zur Gegenwärtigkeit zurückbringt. Im Jetzt können wir zu uns finden und erleben, was wir wirklich sind. Im Jetzt kann Befreiung stattfinden. Denn sind wir im Jetzt, wird der Geist klar und mit ihm die Koshas.

Warum ist Achtsamkeit so wichtig ?

Unser ganzes Leben findet im Jetzt statt. Die Vergangenheit ist vorbei und damit nicht mehr änderbar. Und die Zukunft ist äußerst ungewiss und verunsichert oft. Richten wir die Achtsamkeit auf das Jetzt, nehmen wir mehr am Leben teil. Sind wir mehr und mehr im Jetzt verankert, erfahren wir die Kraft der Gegenwart. Hier schöpfen wir Energie. Im Jetzt finden wir zur Zufriedenheit zurück, immer wieder, von Moment zu Moment. Denn sind wir achtsam im Jetzt, ist der Geist klar und ruhig. Und mit der Ruhe im Geist wird auch unser ganzes Sein wach und klar, alle Ebenen (Koshas) unseres Seins klären sich.

Wer bin ich ?

Die alten yogischen Schriften vermitteln uns, dass der Mensch nicht der Körper ist und auch nicht der Geist. Wir sind das, was den Körper bewohnt und den Geist benutzt: unser Wesenskern ist eingebettet in / umhüllt vom Körper. Und unser Körper umfasst mehrere Schichten oder Hüllen, Koshas genannt. Es gibt fünft Körperhüllen, wovon der physische Körper die festeste und für uns die deutlich sichtbare Hülle ist.

Wird der Geist ruhig, wird er klar und mit ihm die Körperhüllen. Im Yoga geht es nun darum, die Körperhüllen zu klären und in Einklang miteinander zu bringen. Es ist vergleichbar wie mit der Testbrille beim Augenarzt, der in die Fassung verschiedene Linsen hineinsteckt. Erst wenn die Linsen gut aufeinander abgestimmt sind und natürlich auch, wenn die einzelnen Gläser ganz sauber sind, erst dann kann man gut durchblicken und klar sehen.

So verhält es sich auch mit unseren Körperschichten: jede einzelne Schicht muss gereinigt werden und alle zusammen müssen in Einklang miteinander sein, dann gelingt es uns durchzublicken. Und wohin? Auf unseren eigenen Grund. Dahin, wo wir erkennen / erfahren / erleben können, wer oder was wir wirklich sind. Und wenn wir die Erfahrung gemacht haben, wer / was wir sind, dann können wir auch durch andere „blicken“ und erkennen, dass auch alle anderen in der Tiefe vollkommen sind. Und auch ein Durchblicken und Erfassen, dass wir alle in der Tiefe eins sind, ist dann möglich.

Denn ist der Geist ruhig und klar, sind die Koshas klar und im Einklang und unsere Chakren, unsere Energiezentren ausgeglichen und voller Energie. So fangen wir an, innerlich anders zu schwingen. Alles ist Energie, alles ist Licht. Alles schwingt und ist in Bewegung. Das Beruhigen der inneren Schwingung, schwingt unser Bewusstsein auf eine andere Ebene ein, auf der wir erfassen können, dass wir alle mit einander verbunden sind und dass es keine wirklichen Grenzen gibt. Das, was man an unheilsamen Gedanken, Worten, Taten in die Welt hinausschickt, das strömt auch zu einem selbst wieder zurück. Vergleichbar mit einem Tintenfisch, der seine Tinte verströmt und in der er selbst auch baden muss.

Wie erlange ich die Befreiung von Körper, Geist und Seele ?

Patanjali hat den Läuterungsweg von Yoga in dem achtfachen Pfad festgehalten, und auch der Buddha hat das Vorgehen auf dem Weg zu Befreiung in seinen Vier Edlen Wahrheiten und darin speziell in dem Edlen achtfachen Pfad ausgedrückt. Beide Wege sehen die folgenden Punkte 1 und 2 vor und unterscheiden sich in Punkt 3. der Art und Weise der Läuterung (im Buddhismus im Wesentlichen durch Ruhe- und Einsichtsmeditation).

1. Ethische Regeln
Wie auch im Christentum, so gibt es auch auf dem Yogapfad ebenso wie im Buddhismus ethische Grundregeln, die es zu beachten gilt. Wenn ich Unrechtes tue, so wird der Geist nicht ruhig sein können. Um Frieden in uns und Befreiung zu erlangen, sind ethische Regeln absolut notwendig.

2. Weg nach Innen
Auf dem Weg nach Innen ziehen wir unsere Aufmerksamkeit von den äußeren Erscheinungen ab und richten unsere Wahrnehmung nach innen, sodass wir erfahren, was in unserem Körper und Geist vor sich geht. Wir erforschen uns selbst und nehmen wahr, welche Körperempfindungen der Körper bei den Yogaübungen wie auch bei den Alltagserlebnissen hervorbringt, welche Gedanken der Geist entwickelt und welche Emotionen hierbei auftauchen.

3. Reinigung der Koshas
Hierbei geht es um einen Läuterungsprozess durch:

– Körperübungen zum Reinigen des Körpers und Erlangen von Stabilität, Beweglichkeit und Gesundheit. Während der Yoga-Körperübungen sind wir uns der Reaktionen im Geist in Form von Gedanken und Gefühlen (Empfindungen und Emotionen) bewusst. Wir lassen den Geist zur Ruhe und damit die Koshas zur Klarheit kommen.

Atemübungen zum Läutern des Geistes und dem Erlangen von Vitalität, Ruhe sowie Klarheit
Wir sind achtsam und dabei wird der Geist ruhig und die Koshas werden klar.

Energiearbeit zum Lenken der Energie und Loslassen zum Befreien unseres Wesenskerns / Seele und dem Erlangen von Glücklich-/ Zufriedensein und Freiheit. Durch bewusstes Lenken der Energien in uns und durch immer mehr Loslassen entsteht ein Befreiungsprozess, durch den wir unseren Wesenskern immer weiter entfalten können. Hierbei ist es nicht allein unser Bemühen, das hier am Wirken ist. Es ist eine Gnade, wenn alle Befleckung von einem abfällt. Sind wir frei von Konditioniertheit, kann unser Inneres frei nach außen strahlen. Wir fühlen das Einssein mit allem und können passieren lassen, was geschieht. Das ist, was die Yogis nennen: aus dem Schlaf (= Maya = die Welt der Illusionen, das, was wir im sogenannten Normalzustand für real halten) erwachen, Selbstbewusstsein erlangen (sich seiner SELBST bewusst sein) und Selbstverwirklichung (das, was ich wirklich bin, befreien und leben = Sat-Chit-Ananda = sich seiner SELBST bewusst sein, führt zu Weisheit und Glückseligkeit).

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