Geschichte: Das Mädchen und der Fluss

MeerEs war einmal ein Mädchen, das hatte einen besonderen Freund. Dieser Freund war ein kleiner Fluss. Das Mädchen besuchte ihn jeden Tag. Immer wenn es bei ihm war, war es ruhig und glücklich. Es hörte sein leises Plätschern, sah sein Fließen, fühlte seine Frische und sein sanftes Sprudeln voller Leichtigkeit. Wenn es die Füßchen ins Wasser hing, spielte der kleine Fluss damit. Dann kicherte das Mädchen, denn der Fluss kitzelte es ganz sanft.

Eines Tages sagte der kleine Fluss: „Hallo, wer bist Du?“ Das Mädchen wusste erst gar nicht, wer mit ihr sprach. Sie antwortete: „Ich bin Deine Freundin. Ich komme jeden Tag zu Dir.“ „Bist Du auch ein Fluss?“ wollte der kleine Fluss wissen. Das Mädchen wunderte sich sehr und sagte: „Aber nein, ich bin doch kein Fluss, ich bin ein Mensch.“ Und da der kleine Fluss nicht wusste, was ein Mensch ist, fragte er weiter: „Was ist denn ein Mensch?“ Da wusste das Mädchen keine Antwort.

Der Fluss aber war recht neugierig und so fragte er das Mädchen weiter: „Siehst Du auch jeden Tag Dinge an Dir vorbeiströmen?“ Das Mädchen musste gar nicht lange überlegen und bejahte die Frage. „Und hörst Du auch jeden Tag Geräusche kommen und gehen?“ Wieder stimmte das Mädchen zu. „Und fühlst Du Dich auch manchmal ganz weit und manchmal recht eng?“ „Oh, ja“, überlegte das Mädchen „das stimmt. Manches, was ich erlebe, lässt mich ganz leicht werden und weit. Und bei manchem, da fühle ich mich beengt und manchmal auch ganz bedrückt.“ „Dann bist Du wohl doch ein Fluss.“, sagte der kleine Fluss daraufhin. Das Mädchen aber sagte entrüstet „Nein, ich bin ein Mensch und kein Fluss. Ich sehe ja auch ganz anders aus.“

Der kleine Fluss sagte: „Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: “Alles ist im Fließen.“ Da wunderte sich das Mädchen noch mehr. „Aber ich sehe doch gar nicht aus wie ein Fluss. Ich habe einen Körper, schau doch her!“. Der kleine Fluss entgegnete: „Du bist doch nicht der Körper, du bewohnst ihn doch nur, genauso wie ich nicht das Flussbett bin. Ich bin doch nur darin und fließe.“ „Aber ich bin trotzdem ein Mensch und kein Fluss“, beharrte das Mädchen und wandte sich ab. Es war traurig, da es nicht verstehen konnte, dass der kleine Fluss so begriffsstutzig war.

„Aber, was ist ein Mensch?“ fragte der Fluss erneut und diesmal sprach er ganz behutsam. Das Mädchen wusste nicht, was es daraufhin sagen sollte. Nach einer Weile aber sagte es ganz stolz: „Ich bin ein Mensch, und ein Mensch kann denken und fühlen, ja er Gedanken und Gefühle.“ Der Fluss überlegte. „Und kommen die Gedanken und gehen sie wieder?“ fragte er dann. „Ja“, versicherte das Mädchen, „sie kommen und gehen.“ „Und die Gefühle, kommen und gehen sie auch?“ fragte der kleine Fluss. „Ja, auch die Gefühle kommen und gehen.“ Da staunte der kleine Fluss und sagte: „Also dann bist Du ein Fluss, ich bin ganz sicher.“

Das Mädchen wollte gerade erneut ihre Anschauung klarstellen, da fuhr der kleine Fluss fort:  „Meine Mama hat mir immer gesagt: “Alles, was existiert, kommt aus derselben Quelle und alles ist im Fluss“. „Und wo soll diese Quelle sein, aus der alles kommt?“ fragte das Mädchen. „Meine Mama hat gesagt: wenn man in der tiefen Stille des Ozeans ist, weiß man, wo die Quelle aller Quellen ist.“ „Wie meist Du das?“ fragte das Mädchen verwundert. „Ich weiß es auch nicht so genau. Aber vielleicht finde ich die Quelle aller Quellen auch, wenn ich im Ozean bin, da wo meine Mama jetzt ist.“

„Wo ist denn Deine Mama?“ wollte das Mädchen wissen. „Meine Mama ist mir schon vorausgeeilt. Sie ist jetzt im Ozean.“ „Wie im Ozean?“ fragte das Mädchen. „Sie ist hineingeströmt in den Ozean, das große Meer. Sie hat mir gesagt, dass es wunderbar ist, wenn man sich im Ozean in die Weite hineinverströmt. Ich freue mich schon jetzt auf den großen Ozean, auf den Ozean der Liebe.“ „Auf den Ozean der Liebe?“ fragte das Mädchen. „Ja“, sagte der kleine Fluss.

Das Mädchen aber war mit einem Mal ganz traurig. „Dann bist Du ja weg, wenn Du im Ozean hineinströmst.“ sagte sie erschrocken. „Ich bin dann nicht weg,“ versicherte ihr der kleine Fluss, „ich bin dann nur alles, das große Meer.“ Dann fragte er das Mädchen noch: „Willst Du mich auch dann besuchen kommen, wenn ich im Ozean bin?“ Das Mädchen versprach dem kleinen Fluss, dass es beim Ozean sein wird, wenn es so weit ist.

Und als das Mädchen in den nächsten Ferien beim Ozean war, saß es lange am Strand und hörte das Meer und sein Rauschen, sein Hin und sein Her, sein Fließen und sein Wogen. Es nahm jeden Augenblick wahr und dann, auf einmal fühlte es sich ganz mit dem kleinen Fluss verbunden. Das Mädchen begann zu strahlen. Sie fühlte ein unbeschreibliches Glücksgefühl in sich. Denn es wurde ihr mit einem Mal bewusst, was sie mit dem kleinen Fluss besprochen hatte. Und das Mädchen wusste es nun ganz genau: „Oh ja“, sagte es innerlich zu sich: „ich bin auch ein Fluss! Nur nicht ein Fluss aus Wasser, sondern ….“ Und da flossen keinen Worte und keine Gedanken mehr nach und auch keine Bilder und keine Gefühle mehr, sondern nur noch: glückselige, göttliche Stille. Sie war in der Quelle, der Quelle aller Quellen, denn sie war in Liebe und vollkommen still DARIN.

Mögen alle Menschen diese Stille finden, mögen alle glücklich und frei sein
Petra Mertens

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